Blick auf den „wundPunkt“

Ein "Kreuzweg der etwas anderen Art" wird derzeit im Raum Herne/Castrop-Rauxel angeboten.

Kreuzwegstation am „wundPunkt“ (v.l.): Mechthild Greifenberg, Caritaskoordinatorin des Caritasverbandes Herne, Rebecca Goeke, Dekanatsreferentin für Jugend und Familie, Clemens Huerkamp, Dekanatspastoralrat, Diakon Christoph Gladisch sowie eine weitere Teilnehmerin. Castrop-Rauxel, 18. März 2014. Mit dem Projekt „wundPunkt“ geleiten das Dekanat Emschertal sowie die Caritasverbände Castrop-Rauxel und Herne in diesem Jahr die Menschen auf etwas andere Art durch die Fastenzeit. Aktuelle Lebenssituationen im Dekanat werden mit traditionellen Kreuzweginhalten sowie der Leidensgeschichte Jesu verbunden.

Es ist früher Abend in Merklinde. Am Ende der Wittener Straße, zwischen Mehrfamilienhäusern und Blumenbeeten, steht das Gebäude der Friedrich-Harkort-Schule. Die Grundschule wurde im Sommer 2013 geschlossen. Die zitronengelbe Fassade wird vom Licht der untergehenden Sonne erleuchtet, in den Fenstern sind noch Aufkleber und Basteleien der Schüler zu erkennen. Doch jetzt liegt die Schule verlassen da, der Schulhof und das Gebäude, bis vor kurzem noch mit Leben erfüllt, wirkt gespenstisch und leer. In der Abenddämmerung hat sich eine kleine Menschenmenge am Eingang des Schulhofes versammelt. Die Gruppe der Teilnehmerinnen und Teilnehmer drängt sich um ein einfaches Holzkreuz vor dem verwaisten Gebäude.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kreuzweges „wundPunkt“ versammelten sich vor dem Schultor der geschlossenen Friedrich-Harkort-Schule in Castrop-Rauxel Merklinde.Die Friedrich-Harkort-Grundschule ist einer von sechs „wundPunkten“ im Dekanat Emschertal. Bei der gleichnamigen Fastenaktion treffen traditionelle Gemeindekreuzwege auf soziale Brennpunkte. Der etwas andere Kreuzweg wird nicht in der Kirche gebetet. Er findet mitten im Leben, an markanten Punkten in Castrop-Rauxel, Herne und Wanne-Eickel statt. Der Kreuzweg lässt eine halbe Stunde innehalten, gibt Zeit, sich an den „Stationen“ umzuschauen und „die Wunden unserer Zeit und deren Einfluss auf das Leben wahrzunehmen“, wie Rebecca Goeke, Dekanatsreferentin für Jugend und Familie, das Projekt umschreibt. „Im Mittelpunkt steht der Mensch mit seinen Sorgen und Nöten“, erläutert sie. Gemeinsam mit Silvia Engemann von der Caritas Castrop-Rauxel und Mechthild Greifenberg von der Caritas Herne hat sie das Projekt in die Wege geleitet. „Wir haben uns gefragt, inwiefern die heute traditionell gebeteten Kreuzwege einen Bezugspunkt zu den Sorgen und Nöten der Menschen besitzen“, erläutert Rebecca Goeke. Neben externen Referenten erzählen Betroffene selbst ihre Geschichten und sprechen über ihre „wundPunkte“. Durch die Anknüpfung an das Evangelium werden so Erfahrungen theologisch angereichert. Es entstehen Berührungspunkte zwischen dem Leben und dem Evangelium. Die traditionellen Gemeindekreuzwege sollen dabei nicht ersetzt, sondern nur durch eine andere Zugangsebene ergänzt werden.

Zurück am Ort des Geschehens: Die leisen Gespräche verstummen nach und nach. Rund 45 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich vor der Grundschule, dem „drehPunkt“, versammelt, hören Christoph Gladisch, ständiger Diakon im Pastoralverbund Castrop-Rauxel-Nord und Norbert Köring, Leiter des Jugendhilfezentrums des Caritasverbandes Castrop-Rauxel, zu, die den Abendimpuls gestalten. „Jesus begegnet den weinenden Frauen“ ist diese Kreuzwegstation überschrieben. Es geht um die Situation von Frauen und Familien.

Man stelle sich das Bild des „Prager Kreuzweges“ vor, sagt Gladisch. Maria, die wie eine Schutzmadonna über dem Geschehen throne, nehme die Sorgen der Menschen auf, die gekommen seien, um ihr Leid zu klagen. „Lass mich nicht wegsehen, wenn neben mir jemand leidet. Gib mir die Tränen, mit ihm zu weinen“, zitiert Gladisch aus dem Gotteslob.

Die Schließung der Friedrich-Harkort-Grundschule bedeute einen großen Einschnitt für den Stadtteil Merklinde und seine Bewohner, erklärt Köring. Man befürchte, der Vorort könne zu einem Problemviertel werden. War die Schule zuvor noch eine Art gesellschaftlicher Knotenpunkt, legt sich der Fokus vieler Familien nun auf angrenzende Ortschaften wie Obercastrop, wohin die Kinder über weitere Wege zur Schule gehen. Die Kommune müsse dafür Sorge tragen, dass Familien angemessene Unterstützung erhielten. Vor allem Frauen, die oft die treibende Kraft dieses kleinen sozialen Gefüges darstellten und Erwerbsarbeit und Familienleben unter einen Hut bringen müssten. Ein gutes Beispiel dafür seien die langen Öffnungszeiten der Supermärkte in der Umgebung. „Wie kann eine Familie denn mehr Zeit miteinander verbringen, wenn Frauen häufig bis 22 Uhr hinter der Kasse sitzen müssen“, sagt Gladisch. Eltern wünschten sich, mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen zu dürfen, ergänzt Norbert Köring. Kinder müssten auch einmal lauter sein dürfen. Vom Bürgermeister wünsche man sich mehr Grünflächen und Treffpunkte, von der Politik die Abschaffung der G8-Reform. „Weint nicht über mich, weint über euch und eure Kinder“, zitiert Gladisch aus dem Lukasevangelium und sagt, fast sei es so, als hätte Jesus schon damals gewusst, was in der heutigen Zeit auf Frauen und ihre Familien zukommen würde. Nach einem Vater Unser und dem Ave Maria schloss Christoph Gladisch die Veranstaltung mit den Worten „Und geht nicht zu spät einkaufen!“. Die Teilnehmer schmunzelten, als sie ein kleines Andenken in Form eines Einkaufschips mit dem Logo des Projektes „wundPunkt“ erhielten.

Das Projekt "wundPunkt" wird vom Erzbistum Paderborn als "Innovatives Projekt" gefördert.

Weitere Veranstaltungen finden am 3. April am Bunker am Busbahnhof in Castrop-Rauxel und am 13. April am Lukas Hospiz in Herne jeweils um 17.30 Uhr statt. Weitere Informationen unter www.dekanat-emschertal.de

Text: Viktoria Degner