Glossar - zentrale Begriffe im Prozess der Perspektive 2014

Das Glossar erläutert zentrale Begriffe, die bei der pastoralen Entwicklung im Erzbistum Paderborn maßgeblich sind. Er wurde mit den Verantwortlichen der Arbeitskreise und Perspektivgruppen im Kontext der Perspektive 2014 erarbeitet und von der Lenkungsgruppe als Grundlage für den weiteren diözesanen Verständigungsprozess in Kraft gesetzt.

Das Glossar enthält Ausführungen zu folgenden Begriffen:

Berufung – Pastoral der Berufung 
Charismen – Charismenorientierung 
Ehrenamt – Engagement aus Berufung 
Gemeinde 
Paradigmenwechsel 
Pastorale Orte und Gelegenheiten 
Pastoraler Raum 
Pastoralvereinbarung und Konzeptentwicklung 
Pfarrei

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Glossar als Volltext

Berufung – Pastoral der Berufung

Für die pastorale Weiterentwicklung unseres Erzbistums ist der Begriff der ‚Berufung’ von zentraler Bedeutung. Dies hat Erzbischof Becker im Rahmen des diözesanen Forums am 21.11.2009 ausdrücklich herausgestellt: Er versteht die Pastoral der Berufung als Zentralkategorie der diözesanen Erneuerung und Weiterentwicklung.

Berufung verstehen wir in unserer Diözese also im umfassenden Sinn. Der Begriff Berufung setzt weit an und beruht auf den drei miteinander verwobenen Dimensionen „Ruf ins Dasein, Berufung zum Christsein, Sendung in einen konkreten Dienst". Immer geht die Berufung von Gott aus und immer zielt sie auf das ‚Leben in Fülle’ – zunächst für den Gerufenen selbst und dann nicht weniger für die anderen, zu denen er gesandt ist. „Christliche Berufung ist nämlich ihrer Natur nach auch Berufung zum Apostolat." (AA 2)

Für das Miteinander in der Kirche unterscheiden wir die Berufung aller Getauften von der darauf hingeordneten Berufung zum Weiheamt und zum Ordensstand. Wir fördern die Vielfalt der Berufungen im Volk Gottes und zwar sowohl die gemeinsame als auch die individuelle, je persönliche Berufung – sei es zum Weiheamt, zum Ordensstand, zur Ehe, zu einem bestimmten Beruf oder zur verantwortlichen Übernahme einer konkreten Aufgabe im Dienst an der Welt oder zur Ausgestaltung der pastoralen Räume. „Berufungen wachsen nur gemeinsam“ (Johannes Paul II., Pastores dabo vobis)

Die Pastoral der Berufung im Erzbistum Paderborn nimmt ihren Ausgangspunkt von der dargestellten Differenzierung des Berufungsdenkens und will eine Haltung fördern, die überall die Frage nach Gott und seinem Willen stellt. Wenn Gott mit jedem Menschen eine Geschichte schreibt, geht es in der Pastoral darum, überall die „Menschwerdung“ zu fördern und damit die Menschenwürde, die der Berufung ins Dasein und der damit gegebenen Gottebenbildlichkeit jedes Menschen entspricht. Wenn die Taufe die Berufung der Menschen in die Nachfolge Christi sakramental grundlegt, geht es darum, alle Orte und Gelegenheiten des Christseins zu stärken und zu profilieren und dadurch die immer wichtiger werdenden Wege des bewussten Christwerdens und Christbleibens zu stützen. Die Pastoral soll Menschen ins Beten, in die Bibel, in ein Leben mit Jesus Christus einführen und einen möglichst lebendigen Glauben von Christen und Christinnen fördern, auch durch Verknüpfung von Glaubenden in kleinen Zellen. So stellt die Pastoral der Berufung den Menschen mit den ihm von Gott geschenkten Charismen in den Mittelpunkt und an den Ausgangspunkt allen pastoralen Handelns. Träger der Pastoral der Berufung ist das gesamte Volk Gottes.

Im Fastenhirtenbrief 2010 hat Erzbischof Becker vier Bereiche beschrieben, in denen die Pastoral der Berufung konkretisiert werden. Zu diesen Bereichen werden bis zum Jahre 2014 Rahmenbedingungen auf diözesaner Ebene entwickelt. Es sind die Bereiche:

  • Taufberufung fördern – Katechese, Gottesdienst und Sakramente
  • Ehrenamt – Engagement aus Berufung
  • Pastorale Orte und Gelegenheiten – missionarisch Kirche sein
  • Caritas und Weltverantwortung – diakonisch handeln

Um die Energie beim Aufbau der pastoralen Räume auf die inhaltliche Weiterentwicklung der Pastoral zu lenken, sollen auf dem Weg zur Pastoralvereinbarung diese vier Bereiche berücksichtigt und für den jeweiligen pastoralen Raum konkretisiert werden. Damit verbindet sich die Hoffnung, dass in der Pastoral des Erzbistums ein Paradigmenwechsel wirklich seinen Niederschlag, auch konzeptionell, findet.


Charismen – Charismenorientierung

Jede Zeit, auch die unsere, ist eine Zeit Gottes. Zu jeder Zeit ergeht sein Ruf an Menschen für den Dienst an anderen, an der Gemeinschaft und zur Verherrlichung Gottes. Gott rüstet Menschen aus mit besonderen Gaben, mit Charismen. Charismen als „vom Geist Gottes geadelte Talente“ sind immer Begabungen für den Dienst an anderen. Diese gilt es, in allen drei Dimensionen von Berufung zu entdecken und zu entfalten. Dabei kommt es auch darauf an, die bewusste Entscheidung für solch eine Haltung zu fördern.

Es ist Aufgabe aller Getauften, aufmerksam darauf zu sein, welche Charismen Gott uns heute schenkt. Eine solche Charismenorientierung in der Pastoral fragt: Was bewegt diesen Menschen? Was ist sein geistliches Interesse? Welche besonderen Gaben bringt er mit? Welche Charismen finden wir in unserem pastoralen Raum vor? Wie können wir sie nutzen? Gefragt werden muss demnach weit mehr als: Welche vordefinierten Aufgaben gilt es zu verteilen?

Es kommt auf jede und jeden einzelnen an. Jeder Mensch ist immer neu aufgefordert, die eigenen Talente und die der anderen zu entdecken. Jede/r Getaufte ist herausgefordert, mit seinen/ihren Charismen mitzuhelfen, dass auch andere Gottes Ruf hören, erkennen und frei ergreifen können – an dem Ort, an dem Gott den Menschen braucht. Die persönliche Berufung gilt es im Miteinander zu entdecken, zu fördern und zu vertiefen – was nicht zuletzt Aufgabe der Gremien der Mitverantwortung und des Pastoralteams ist und einen darauf ausgerichteten Leitungsstil braucht.

(siehe auch: Berufung; Ehrenamt – Engagement aus Berufung; Pastorale Orte und Gelegenheiten)


Ehrenamt – Engagement aus Berufung

Ehrenamtliches Engagement bietet Christinnen und Christen einen Weg, die eigene Berufung zu entdecken, ihr Ausdruck zu verleihen und sie zu leben. Ehrenamtlich Tätige sind Personen, die sich freiwillig und unentgeltlich mit ihren Charismen für einen vereinbarten Zeitraum in einer Kirchengemeinde, einem Pastoralverbund oder einem Pastoralen Raum, einem kirchlichen Verband, einer sozialen Einrichtung, einem Projekt oder einer Aktion engagieren und durch ihr Engagement Verantwortung übernehmen. ‚Ehrenamt’ beinhaltet ein Mandat oder einen Auftrag, einen klaren zeitlichen und auch inhaltlichen Rahmen sowie eine klare Verbindlichkeit, häufig im Zusammenspiel mit dem pastoralen Personal.

Über das so beschriebene ‚Ehrenamt’ hinaus leben heute viele Engagierte ihren christlichen Glauben selbstorganisiert: in Familie, Nachbarschaft, Gemeinde, Gesellschaft und Politik. Hier leben sie ihr Engagement aus Berufung als verantwortliche Tätigkeit und als Tätig-Sein im Dienst an anderen aus der freien Annahme ihrer je persönlichen Berufung durch Gott.

Kirchliches Leben wird in Zukunft verstärkt von solchem Engagement leben.
(siehe auch: Charismen – Charismenorientierung)

All diese Engagierten haben entsprechend ihrer jeweiligen Aufgabe ein Recht auf fachliche, pastorale und geistliche Förderung und Begleitung, um ihren Teil an Verantwortung in den jeweiligen pastoralen Räumen gut wahrnehmen zu können und zur kirchlichen Erneuerung beizutragen. Die Begleitung und Förderung ist vom jeweiligen Träger aktiv zu gestalten und ist eingebettet in eine Kultur der bewussten Gestaltung und Anerkennung der Tätigkeit vom Beginn bis zur Verabschiedung. Dabei gilt es, die Engagementinteressen und –möglichkeiten aufzugreifen, die Selbstständigkeit der Engagierten zu stärken und die Teilnahme an geeigneten und differenzierten Angeboten zur Aus- und Weiterbildung zu ermöglichen. Zur Engagementförderung gehört insbesondere die Bereitstellung von geistlichen Angeboten, die der Verwurzelung im Glauben dienen. Angebote, die es den Suchenden ermöglichen, ihre Berufung zu entdecken und die es denjenigen, die ihre Berufung entdeckt haben, ermöglichen diese leben zu können. Dies alles geschieht mit den Erkenntnissen und Instrumenten der Personalentwicklung, die für die Ehrenamtlichenförderung zu übertragen sind.


Gemeinde

Die meisten Katholiken verstehen den Begriff „Gemeinde“ im Sinne „ihrer Gemeinde“. Zu dieser „gehören“ sie. Gemeint ist damit in der Regel die „Pfarrgemeinde“, die territorial umschrieben gedacht und im kirchenrechtlichen Sinn als Pfarrei oder Pfarrvikarie konstituiert ist. Alles Sprechen von Gemeinde muss dieses gängige Verständnis berücksichtigen.

Theologisch gesehen ist Gemeinde aber nicht nur ‚Pfarrgemeinde’. „Gemeinde“ gibt es solange wie es das Christentum gibt. Der Begriff ist zunächst ein Identifikationsbegriff: Nach dem Evangelium beginnt christliche Gemeinde dort, wo zwei oder drei im Namen Christi versammelt sind (vgl. Mt 18,20), wo sie sich - etwa im Bibel-Teilen - für das Wort Gottes öffnen, wo sie einen Wegabschnitt gemeinsam gehen, wo sie in unterschiedlichsten Zusammensetzungen zusammenkommen, um ihren Glauben zu feiern und das Leben miteinander zu teilen.

Gemeinde braucht in diesem Verständnis keine vorgegebene Struktur und ist somit nicht einfach planbar. Sie entsteht dort, wo Menschen im Glauben zusammengeführt werden.

Wir setzen auf dem Weg in größere pastorale Räume auf eine größere Zahl von Gemeindebildungen in diesem Sinne und sprechen dabei von „pastoralen Orten“. Weggemeinschaften von Menschen aus dem Glauben heraus werden sich daneben auch in Form von „pastoralen Gelegenheiten“ ergeben: so wird es beständige und kurzfristige Formen solcher Gemeindebildung geben, die in Zukunft in einem netzwerkartigen Miteinander stehen werden.
(siehe auch: pastorale Orte und Gelegenheiten)


Paradigmenwechsel

Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Kirche aus dem Glauben an den sie führenden Heiligen Geist heraus verpflichtet, in Verbundenheit mit allen Menschen „nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten. So kann sie dann in einer jeweils einer Generation angemessenen Weise auf die bleibenden Fragen der Menschen nach dem Sinn des gegenwärtigen und des zukünftigen Lebens und nach dem Verhältnis beider zueinander Antwort geben“ (GS 4). Das heißt: Ohne nüchterne Wahrnehmung dessen, was in der Welt geschieht, lässt sich keine Pastoral entwickeln. Vielmehr gilt es für alle Verantwortlichen in der Kirche, „die Welt, in der wir leben, ihre Erwartungen, Bestrebungen und ihren oft dramatischen Charakter zu erfassen und zu verstehen.“

Die weiteren Aussagen zu diesem Auftrag haben erstaunlicherweise nichts an ihrer Aktualität verloren. So weist das Konzil hin auf „tiefgehende und rasche Veränderungen“, die „Schritt um Schritt auf die ganze Welt übergreifen.“ In diesem Zusammenhang hat das Konzil von einer „wirklichen sozialen und kulturellen Umgestaltung“ gesprochen, „die sich auch auf das religiöse Leben auswirkt“ (ebd.), von einer „komplexen Situation, in der sich viele Zeitgenossen schwer tun, die ewigen Werte recht zu erkennen und mit dem Neuen, das da aufkommt, zu einer richtigen Synthese zu bringen.“

Die Weiterentwicklung der Pastoral im Erzbistum Paderborn weiß sich diesem Auftrag des Konzils verpflichtet. Mit der Rede vom Paradigmenwechsel ist aus diesem Auftrag heraus eine Einsicht formuliert, die in der pastoralen Entwicklung zum Tragen kommen soll: Die Option für einen Paradigmenwechsel geht davon aus, dass im Erzbistum Paderborn auf allen Ebenen eine einschneidende und grundsätzliche Neuausrichtung der Pastoral ansteht, die auf die tief greifenden gesellschaftlichen Veränderungen antwortet, um die Verkündigung des Evangeliums auch in diesen veränderten Bedingungen nach menschlichem Ermessen möglich zu machen.

Diese Neuausrichtung wird alle Eckpunke des pastoralen Handelns betreffen: Pastorale Strukturen, geistliche und spirituelle Grundlagen, Organisation und Verwaltung sowie die pastoralen Abläufe. Es ist erklärter Wille des Erzbischofs, dass die Neuausrichtung beim Aufbau der pastoralen Räume Schritt für Schritt eingelöst werden soll.

Der Begriff „Paradigma“ meint das grundlegende und vorherrschende Denkmuster einer bestimmten Zeit, welches die Grundlage von Leitbildern und Modellen für Lösungsstrategien von Problemen ist.

Für den kirchlichen Bereich heißt dies: Der „Paradigmenwechsel“ beschreibt den Übergang von einem bislang das kirchliche Leben prägenden Paradigma hin zu einem neuen Paradigma; also von einem bislang vorherrschenden Denkmuster zu einem anderen. Die Kirche nimmt mit der Wahrnehmung dieses Paradigmenwechsels Anteil an den gesamtgesellschaftlichen Veränderungen, von denen sie ja genau so betroffen ist wie alle anderen Gruppen und Organisationen. Die Kirche ist gefordert, eine eigene Antwort zu finden, eben aus dem Glauben an den lebendigen Gott. Nur so wird sie ihrem Auftrag gerecht, das Evangelium allen Menschen zu verkünden.

Für den kirchlichen Bereich ist dieser Paradigmenwechsel vor allem mit einer Veränderung der kirchlichen Sozialform verbunden. Und damit sind auch Veränderungen in der Ausübung der „Rollen“ von Bischöfen, Priestern, hauptberuflichen Laien und Ehrenamtlichen gegeben. Etwas schematisiert gesagt vollzieht sich der Übergang von einer kultur- und milieugestützten „Volkskirche“ hin zu einer „Kirche des pilgernden Volkes Gottes“, die durch eine Vielfalt von Glaubensformen und -wegen geprägt ist. Dieser Übergang markiert insofern einen sehr großen Einschnitt, als er beschreibt, wie sich die „christentümliche“ Kirchengestalt nach vielen Jahrhunderten verändert, hin zu einer Kirchengestalt in pluraler Welt.

Generell gilt: Eine solche Übergangssituation erfordert viel Aufmerksamkeit und Energie. Denn sowohl das alte wie auch das neue Paradigma existieren nebeneinander. Die Kräfte des alten Paradigmas sind beharrlich und stark. Und die Kräfte des neuen Paradigmas müssen zugleich auch aufgespürt und zur Entfaltung gebracht werden.

Ein Paradigmenwechsel lässt sich nicht planen oder gar verordnen, aber er geschieht.

Einige Kennzeichen des sich entwickelnden neuen Paradigmas in der Kirche des Erzbistums Paderborn lassen sich durch folgende Aspekte beschreiben:

  • Die bisherige Alleinstellung der Pfarrgemeinden wird sich zu einem pluralen, respektvollen Miteinander von Pfarrgemeinden, kirchlichen Einrichtungen, pastoralen Orten und Gelegenheiten, neuen Gemeindebildungen, Weggemeinschaften u.a. im größeren pastoralen Raum entwickeln
  • Die Kirche wird sich in einer Minderheiten- und Diasporasituation in einer säkular gewordenen Welt wieder finden und ist damit aufgerufen, den missionarischen Kontext ihrer Sendung anzunehmen.
  • Von zentraler Bedeutung für die Zukunft der Kirche wird ein umfassend verstandenes Berufungsverständnis sein - wie es bereits das II. Vatikanum beschrieben hat - das die grundlegende Mitwirkung aller Getauften an der Sendung der Kirche bejaht und das Miteinander der verschiedenen Ämter, Dienste, Berufungen und Charismen auf allen Ebenen der Kirche unterstützt
  • Viele sind zum Engagement aus Berufung und Taufe ermutigt; kirchliches Handeln ist also nicht auf die Priester und hauptberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begrenzt, sondern fordert ein Handeln aus individueller Berufung.
  • Es gibt eine Pluralität von Zugängen zum Glauben, von Frömmigkeitsstilen und auch an Erwartungen an die Kirche. Diese sind an ein hohes Maß frei gewählter und abgestufter Bindung zur Kirche und zum Leben mit der Kirche gebunden.
  • Vorherrschend ist eine frei gewählte Glaubenspraxis der Menschen, die sich weitgehend frei von Steuerung und sanktionierenden Vorgaben entwickelt
  • Um die Einheit zu bewahren, gilt es in diesem Kontext ein Leitungsverständnis zu praktizieren, das charismenorientiert agiert, d.h. es fördert, wozu Menschen berufen sind, was sie als Christen bewegt und es ermöglicht diese Charismen ins Leben der Kirche und damit auch in die plurale Gesellschaft einzubringen
  • Diese Übergangssituation fordert einen deutlichen Verzicht auf pastorale Konzepte, die im Sinne einer additiven Pastoral alles Bisherige weiterführen, ohne freie Ressourcen für das beginnende Neue.
  • Zudem muss die Vorläufigkeit aller pastoralen Konzepte immer mitbedacht werden. Dies beinhaltet den Mut zu pastoral sinnvollen und theologisch verantworteten Experimenten.
  • Unverzichtbar ist hierbei ein Kommunikationsstil, der ermutigt und motiviert; der ernst nimmt und eine geistliche Grundlage hat.

In dieser aktuellen Übergangssituation gilt es, mit den Unsicherheiten und Aufbrüchen gleichermaßen umzugehen. Unabdingbar wird das stetige Ringen um den zukünftigen Weg sein; dies kennzeichnet den Paradigmenwechsel.

Dieser Veränderungsprozess beansprucht Zeit. Um die hier aufgezeigten Aspekte umsetzen zu können, braucht es eine deutliche Unterstützung aller Ebenen der Kirche. Dies betrifft sowohl das pastorale als auch das konzeptionelles Handeln. Die Frage nach der Zuweisung von Ressourcen wird in diesem Zusammenhang ebenfalls virulent. Die Pastoral der Berufung weist in die Richtung, in welche sich pastorales Handeln und konzeptionelles Agieren unter Berücksichtigung des beschriebenen Paradigmenwechsels entwickeln sollen.


Pastorale Orte und Gelegenheiten

Mit dem Begriffspaar „Pastorale Orte und Gelegenheiten“ werden die vielfältigen Zugänge der Menschen von heute zu Glaube und Kirche umschrieben.

An einem pastoralen Ort wird Gottes Gegenwart erfahrbar und sein Wirken in der Welt sichtbar. Es sind gemeindliche Orte, an denen der Glaube gelebt, verkündet und gefeiert und so Gemeinschaft mit Gott und den Menschen erfahrbar wird.

Darüber hinaus sind neue gemeindebildende Zugänge zu entdecken, z.B. in Einrichtungen oder in Projekten. Pastorale Orte sind angewiesen auf eine gute Vernetzung in den pastoralen Räumen, damit auch Sammlung und Sendung immer wieder ermöglicht werden.

Angesichts der vielfältigen Differenzierungen in den Lebensvollzügen der Menschen von heute gilt es, in den neuen pastoralen Räumen besonders dieser Differenzierung zu entsprechen durch die Ausgestaltung unterschiedlicher Zugänge, an denen unsere Zeitgenossen ‚vor Ort’ auf die Kirche treffen können.

Neben den pastoralen Orten als vitalen Knotenpunkten mit kirchlichem Leben braucht es darüber hinaus Zugänge auf Zeit: pastorale Gelegenheiten zu besonderen Anlässen, z.B. im Jahreskreis oder an Schnittstellen des Lebens. Zu denken ist an Katechumenatskreise und andere Projekte der Katechese, Trauergruppen, Wallfahrten und Pilgergruppen, Angebote für Suchende und ‚Beginner’.

Pastorale Orte und Gelegenheiten ermöglichen ein differenziertes, profiliertes und zeichenhaftes Handeln der Kirche. Sie nehmen die soziokulturellen Herausforderungen in der Polarität von Mobilität und Beheimatung auf und erlauben Gestaltungen, die den ästhetischen Anforderungen bei der Ansprache unterschiedlicher Zielgruppen genügen. So kann im großen Raum Kirche lebensnah und in ‚Rufweite’ bei den Menschen wachsen.


Pastoraler Raum

Für das Erzbistum Paderborn sind im 2. Zirkumskriptionsgesetz 88 pastorale Räume mit dem zukünftigen Sitz des Leiters und einem Zeitpunkt der Errichtung festgelegt worden (KA 2010, Stück 1).

Der pastorale Raum bezeichnet den Organisationsrahmen, auf den sich die pastoralen Planungen beziehen. Er ist die Planungsgröße für die Zusammenarbeit unterschiedlicher gemeindlicher und kategorialer Aufgaben, Organisationen, Einrichtungen, Dienste, Verbände, Gruppen, Initiativen und Projekte. Der pastorale Raum bildet ein Netzwerk von profilierten, sich ergänzenden und kooperierenden Gemeinden und pastoralen Orten mit dem Ziel, Kirche vor Ort an den Lebensthemen der Menschen missionarisch zu entwickeln. So entstehen vitale Knotenpunkte kirchlichen Lebens, die die gesellschaftlichen Herausforderungen aufgreifen.

Der pastorale Raum wird rechtlich realisiert als Pastoralverbund, gegebenenfalls in der Sonderform des Pfarrei-Pfarrvikarie-Modells, oder als Gesamtpfarrei.

Auf den pastoralen Raum beziehen sich alle pastoralen Planungen, die von der Frage geleitet sind, wie Kirche zukünftig in einer Großstadt, in einem Mittelzentrum, im ländlichen Raum oder in der Diaspora mit den Lebensthemen der Menschen in Berührung kommen kann. Im pastoralen Raum werden differenzierte Zugänge zu Glaube und Kirche möglich mit vielfältigen Formen der Sammlung und Sendung.

Den pastoralen Raum gilt es als Netzwerkstruktur vielfältiger pastoraler Orte und Gelegenheiten zu entwickeln. Um dies zu realisieren, haben alle pastoralen Räume die Aufgabe, eine Pastoralvereinbarung zu entwickeln.
(siehe auch: Pastoralvereinbarung und Konzeptentwicklungen)


Pastoralvereinbarung und Konzeptentwicklung

Die Pastoralvereinbarung beschreibt in einer grundlegenden Veränderungssituation der Kirche das Ergebnis des Such- und Planungsprozesses zur zukünftigen Pastoral für den jeweiligen pastoralen Raum im Erzbistum Paderborn. Sie gibt Auskunft über Ziele, Schwerpunktsetzungen sowie über Maßnahmen zu deren Umsetzung im pastoralen Raum in vernetzten Strukturen von Gemeinden, pastoralen Orten und Gelegenheiten.

Als Grundlage des Planungsweges dienen die zentralen Schwerpunktsetzungen – wie die Pastoral der Berufung – sowie all die Anforderungen an die Kirche in der Welt von heute, wie sie der Erzbischof im Prozess der Perspektive 2014 beschrieben hat.

Eine Pastoralvereinbarung als pastorale Konzeption entsteht unter der Beteiligung vieler Menschen und Gruppen in den Räumen und entwickelt sich aus dem Dreischritt

  • Sehen der Veränderungen und Herausforderungen in Kirche und Gesellschaft
  • Urteilen im Licht des Glaubens
  • Handeln in vernetzten Strukturen

Die Pastoralvereinbarung beschreibt auch Einsatz und Förderung von Mitarbeitern, die rechtliche Sozialgestalt sowie die Ausrichtungen und Ausstattungen der Gebäude und Projekte. Die Pastoralvereinbarungen werden mit den Dekanaten und dem Erzbistum abgestimmt.

Im Prozess zur Erarbeitung der Pastoralvereinbarung wird auch die formale oder rechtliche Struktur für den pastoralen Raum entwickelt. Leitend hierbei ist die Frage, welche rechtlichen, finanziellen und personellen Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen. Im Erzbistum Paderborn werden hierzu drei Modelle vorgeschlagen: die Gesamtpfarrei, der Pastoralverbund mit kooperierenden Pfarreien und der Pastoralverbund als Pfarrei-Pfarrvikarie-Modell. Der Pastorale Raum bietet unabhängig vom Rechtsmodell den Rahmen zur Profilierung vielfältiger zentraler und dezentraler Orte, an denen Menschen heute Zugänge zu Glaube und Kirche erfahren und vertiefen können.

Auf dem Weg der Pastoralvereinbarung werden die zuvor erarbeiteten Pastoralkonzepte sowie die bisherigen Erfahrungen in den Pastoralverbünden berücksichtigt. Alle Pastoralverbünde bisherigen Zuschnitts bleiben aufgefordert, im Rahmen einer Konzeptentwicklung ein Pastoralkonzept zu entwickeln und dieses in die Entwicklung der Pastoralvereinbarung für den entstehenden Pastoralen Raum einzubringen.


Pfarrei

Für die Planungen in den neuen pastoralen Räumen ist es notwendig, die Begriffe Pfarrei und Gemeinde wieder erkennbar voneinander zu trennen, um den heute in der pastoralen Arbeit notwendigen Differenzierungen gerecht zu werden. Pfarreien umschreiben den äußeren Rahmen und die juristische Person. Gemeinden stehen für die Gemeinschaften der Glaubenden, versammelt, um das lebendige Wort Gottes zu hören und aus ihm zu leben. In ihnen wird die Gemeinschaft zwischen Gott und den Menschen sakramental sichtbar und erfahrbar.

In der Regel ist die Pfarrei territorial ausgerichtet und umfasst alle Gläubigen ihres Gebietes. Als öffentliche juristische Person des kirchlichen Rechts ist sie die Substruktur einer Diözese und wird von einem Pfarrer geleitet. Er tut dies im Auftrag des Diözesanbischofs (vgl. can. 115, 116, 374, 515 CIC / 1983). Damit ist die Pfarrei rechtlich definiert. Sie umschreibt einerseits eine Verwaltungseinheit, ist aber auch die Bezugsgröße für Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand.

Die Pfarrei bezeichnet die Rechtsgröße als Planungs- und Organisationsrahmen. Sie dient der Bildung von Gemeinden und organisiert vielfältige Sozialformen unterschiedlicher Prägung und Ausgestaltung. Je nach Entscheidung auf dem Planungsweg kann ein Pastoraler Raum als Gesamtpfarrei realisiert werden oder aus mehreren Pfarreien bestehen. Als Gesamtpfarrei übernimmt diese die Funktion eines Pastoralen Raumes. Vermutlich ergibt sich hieraus für die Zukunft der Pastoralen Räume die Konsequenz, die Pfarreien eher größer zu gestalten, damit vielfältige Formen von Gemeindebildung in ihnen möglich werden.

Der Begriff Pfarrgemeinde wurde geprägt durch die Beratungen der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland („Würzburger Synode“, 1971 bis 1975). Hintergrund war der Wunsch, Pfarrei und Gemeinde deckungsgleich zu verstehen, obwohl sie – rechtlich und pastoraltheologisch – zwei ganz unterschiedliche Bezüge meinen.
(siehe auch: Gemeinde)

Pfarreien und Pfarrvikarien mit eigener Vermögensverwaltung werden nach Staatskirchenrecht als Kirchengemeinden bezeichnet. Der Begriff Kirchengemeinde kommt also aus dem staatlichen Rechtsbereich und dient zur Bezeichnung der Pfarrei und der Pfarrvikarie mit eigener Vermögensverwaltung als Rechtsträger für den weltlichen Rechtsbereich. Die Kirchengemeinde wird vom Staat als Körperschaft öffentlichen Rechts und damit als Rechtsperson im staatlichen Rechtsbereich anerkannt. Kirchengemeinden können somit im staatlichen Rechtsbereich Vermögen besitzen und juristisch handeln, z.B. Arbeitsverhältnisse begründen, Verträge schließen und Baumaßnahmen durchführen.

Paderborn, August 2011