„Ich habe einen, der mich trägt“

„Herzlich Willkommen!“ heißt es für den Besucher, noch bevor er das Haus Betesda im Meerhofer Pfarrhaus betritt. Marsberg-Meerhof. Der Evangelist Johannes berichtet im fünften Kapitel seines Evangeliums vom Teich Betesda, was auf Hebräisch „Barmherzigkeit“ bedeutet. Am Rande dieses Teiches lagern kranke und verkrüppelte Menschen und warten auf ein Aufwallen des Wassers, das sie von ihren Leiden heilt. Rita Rasche, die mit ihrer Familie in Meerhof lebt, ist seit 30 Jahren an vielen Orten als überzeugte Christin engagiert – und fast genauso lange fühlt sie sich schon bewegt durch die biblische Erzählung von diesem „Ort der Barmherzigkeit“. Im Pastoralverbund Sintfeld-Diemeltal hat sie zusammen mit vielen Helfern einen solchen Ort geschaffen: das Haus Betesda.

„Inspiriert durch die Bibelstelle im Johannes-Evangelium habe ich mich gefragt, wo es in unserer Gemeinde einen Ort für Menschen gibt, die in unserer Gesellschaft durchs Raster fallen“, erinnert sich Rita Rasche an die Entstehung der Idee. „Besonders berührt hat mich immer der siebte Vers der Bibelstelle, in dem von einem Mann erzählt wird, der seit vielen Jahrzehnten krank war und der, als Jesus ihn ansprach, sagen musste: ‚Ich habe keinen, der mich zum Wasser trägt’. Diese Erfahrung der Hilflosigkeit und des Alleingelassenseins wollen wir hier im Haus Betesda umkehren. Unser Motto ist daher in Anlehnung an die Bibelstelle: ‚Ich habe einen, der mich trägt.“

„Ich habe einen, der mich trägt“: Rita Rasche (hinten) und Elke Dreps vom Mitarbeiterteam vor dem Logo des „Hauses Betesda“. So ist in Meerhof seit Sommer 2011 im alten Pfarrhaus direkt neben der St.-Laurentius-Pfarrkirche ein Ort geschaffen worden, an dem sich ganz unterschiedliche Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen beheimatet und getragen fühlen können – ein Ort für Menschen, die geistliche Begleitung suchen, Gemeinschaft erfahren möchten, gute Gespräche führen wollen, Trauer zu verarbeiten haben, Einsamkeit zu überwinden versuchen und und und…

Am Anfang stand zunächst „nur“ die Vision bzw. der Traum von Rita Rasche. Durch Gespräche in der Gemeinde erfuhr sie im letzten Jahr von der Möglichkeit, ab dem 1. August 2011 eine Wohnung im Pfarrhaus mieten zu können, die über 30 Jahre das Zuhause für den Meerhofer Priester gewesen war – hier tat sich also für Rita Rasche zumindest eine Chance auf, ihren Traum zu realisieren. Doch zwei große Herausforderungen lagen auf der Hand: Die Wohnung befand sich erstens in einem absolut renovierungsbedürftigem Zustand. Und zweitens: Wie sollte die monatliche Miete sicher gestellt werden?

Rita Rasche erinnerte sich an das berühmte Wort von Dom Helder Camara, dem ehemaligen Erzbischof von Recife in Brasilien: „Wenn einer träumt, bleibt es ein Traum, wenn viele träumen, so ist es der Beginn einer neuen Wirklichkeit.“ Ihre Idee, einen Freundes- und Förderkreis für Ihr Projekt ins Leben zu rufen, trug reiche Früchte: Im Mai verschickte sie einen Brief mit der Schilderung ihrer Idee und der Bitte um Unterstützung, schon im Juli war die Zusage für viele monatliche Mietspenden da. Die Menschen, die von Rita Rasches Anliegen überzeugt sind, kommen teilweise sogar aus Düsseldorf, Köln oder Münster. Sie alle tragen das Haus Betesda in Meerhof mit festen Spendenzusagen zwischen 5 und 120 Euro im Monat mit. „Ich betrachte das als eine wunderbare Versorgung Gottes“, so Rita Rasche. „Viele Menschen haben mir gesagt: ‚Das ist genau das, wie Kirche in meinen Augen funktionieren sollte’. Auch unser Pfarrer Norbert Wohlgemuth hat das ganze Projekt von Anfang an absolut engagiert mitgetragen. Das alles sind Menschen, die immer daran geglaubt haben, dass es einen Ort geben kann, wo Gott und sein Wort die Mitte bilden.“

Ein Team aus sieben Frauen und einem Mann engagiert sich ehrenamtlich im Haus Betesda. Hinter der Kamera und somit nicht auf dem Foto zu sehen, aber ganz wichtig für das Haus Betesda, das es ohne ihre Idee nicht gegeben hätte, ist Rita Rasche, die das Haus leitet und sämtliche Aktivitäten koordiniert. Das Problem der Finanzierung war somit gelöst – bestehen blieb die Notwendigkeit der Komplettrenovierung der Wohnung. Hier kam die „Junge Kirche“ EFFATA ins Spiel, die sich vor zwei Jahren auf Initiative von Pfarrer Wohlgemuth gegründet hat. Der Startschuss für die Renovierung der ehemaligen Pfarrerswohnung fiel im August. Fast zwei Wochen lang arbeiteten die Jugendlichen bis spät in die Nacht, denn der Eröffnungstermin am 4. September rückte unaufhaltsam näher. So wurden Wände tapeziert, vor- und nachgestrichen, Türen abgeschliffen, neu lackiert und Böden neu verlegt. Schließlich wurden kurz vor der Eröffnung auch die rustikalen Möbel geliefert. Letzter Höhepunkt einen Tag (!) vor der Eröffnung war das Aufmalen von Logo und Motto an die Wand im Eingangsbereich der Wohnung. „Dieser Moment war für uns alle total ergreifend“, erzählt Rita Rasche. „Es passiert heute noch, dass die Jugendlichen die Wohnung betreten und sagen: ‚Es ist, als ob ich nach Hause komme.’ Wir sind durch die viele gemeinsame Arbeit in der Wohnung alle noch mehr zusammengewachsen.“

Ein „Zuhause“ sollen die hell und gemütlich gestalteten Räumlichkeiten für ganz unterschiedliche Menschen sein. Dafür sorgen eine großzügige Küche, ein ebenso großes Esszimmer mit einem langen Esstisch, der vielen Menschen Platz für gesellige Runden bietet, ein heimeliges Wohnzimmer – in dem ganz bewusst auf einen Fernseher verzichtet wurde. Wichtiger als TV-Entertainment ist nämlich der warme und einladende Gebetsraum. „Das Wort Gottes steht bei uns immer in der Mitte unserer Gemeinschaft“, erklärt Rita Rasche den hohen Stellenwert von Bibelarbeit im Haus Betesda.

Auf Initiative von Pfarrer Norbert Wohlgemuth, der den Pastoralverbund Diemeltal-Sintfeld leitet, hat sich in Meerhof vor zwei Jahren die „Junge Kirche“ EFFATA gegründet. Den Kern des Betesda-Konzeptes beschreibt die 53-Jährige mit einem über den Gottesdienst hinausgehenden Gemeinschaftsgefühl in Kleingruppen, mit der Erfahrung der Liebe Gottes in „kleinen Begegnungen“. Während der Zeiten, in denen das Haus jedem offen steht, sind Rita Rasche und ihr ehrenamtliches Mitarbeiterteam aus acht Menschen vor Ort – auch dann, wenn niemand kommt. „Es müssen gar nicht immer viele da sein. Gerade mit einzelnen Besuchern ergeben sich unglaublich intensive Gespräche, sehr oft über existenzielle Fragen, bei verwitweten Menschen oft über den Tod. Das ist unser Selbstverständnis: Wir wollen für den einzelnen Menschen und seine Nöte da sein.“

Oft genug ist das Haus jedoch voller Leben: Sämtliche Jugendtreffen und Leiterrunden für die Ministrantenarbeit finden etwa im Haus Betesda statt, sonntags vormittags wird die Gemeinschaft nach der Feier der Heiligen Messe hier in lockerer Runde fortgesetzt, sonntags nachmittags trifft man sich auf Wunsch einiger älterer Menschen zum gemeinsamen Kaffee – Fahrdienst inklusive. Montags kommen die Frauen zu Bibelarbeit und Kaffee zusammen, im letzten Sonntag im Monat hält die Junge Kirche das Haus für alle Jugendlichen offen. „So ist das Haus im besten Sinne ein Mehr-Generationen-Treffpunkt“, freut sich Rita Rasche. „Durch solche gemeinsamen Kreise haben wir schon viele tragfähige Mitarbeiter für die Gemeindearbeit gewinnen können, das alles sind heute Mitarbeiter, die unser Gemeindeleben hochhalten.“

Jugendliche der "Jugendkirche Effata" sorgten für die Renovierung der ehemaligen Pfarrerswohnung. Fast zwei Wochen arbeiteten sie jeden Tag bis spät in die Nacht. Eine weitere Initiative im Haus Betesda ist der Verkauf von fair gehandelten Waren wie Kaffee, Tee, Wein oder Schokolade. „Der Erlös geht komplett an unsere Partnergemeinde im afrikanischen Goma, wo viele Menschen durch einen Vulkanausbruch in völliger Armut leben“, so Rita Rasche. In diesem Fall überwindet die Barmherzigkeit im Haus Betesda also im wahrsten Sinne des Wortes ganze Kontinente.

Auch die Besucher des Hauses, die in Meerhof die Zuwendung Gottes erfahren haben, geben mit Begeisterung etwas an das Haus zurück: Eine schwer behinderte Morphium-Patientin töpfert regelmäßig für das Haus Betesda. Ihre Arbeiten werden gegen eine Spende für das Anliegen des Hauses an dessen Besucher verkauft. „Diese Frau sieht das als ihre Lebensaufgabe“, erläutert Rita Rasche nicht ohne Stolz.

Trotz all der positiven Erfahrungen, die Rita Rasche und ihr Team schon im ersten halben Jahr des Bestehens von Haus Betesda gemacht haben, sind sie auch oftmals skeptisch belächelt worden innerhalb der Dorfgemeinschaft: „Wo gibt es denn so einen Einsatz für die Schwachen heute noch in dieser Welt? Diese Frage haben wir oft gehört“, erinnert sich Rita Rasche. „Unsere Antwort war klar und deutlich: Bei überzeugten Christen!“ Diese Entgegnung zeigt, dass Rita Rasche und das ganze Team des Haus Betesda sich nicht beirren lassen in ihrem innovativen missionarischen Seelsorge-Projekt, in dem Glaube gelebt und erfahrbar wird. Obwohl: „Projekt möchten wir das Haus Betesda eigentlich gar nicht nennen, da wir kein Ende des Vorhabens planen“, wirft Rita Rasche einen Blick in die Zukunft.

Eine wichtige Veranstaltung der „Jungen Kirche“ EFFATA ist hingegen schon lange geplant: Junge Erwachsene aus dem ganzen Erzbistum sind über das Pfingst-Wochenende zu „beGEISTernden“ Tagen nach Meerhof eingeladen. Ein besonderes Highlight wird unter anderem der Auftritt des Chors „Lichtpunkt“ aus Paderborn sein. Die Übernachtung in der Meerhofer Turnhalle und die Verpflegung in der Schützenhalle werden für entsprechendes Katholikentags-Flair sorgen. Und auch das Haus Betesda wird während dieses Pfingst-Treffens sicher eine willkommene Anlaufstelle sein.

Zum Weiterlesen: Die biblische Erzählung, die den Traum vom Haus Betesda Wirklichkeit werden ließ, findet sich in der Heiligen Schrift unter Joh 5, 1-9.

von Maria Aßhauer 

  Diese Aktion wurde vom Erzbistum Paderborn über den Fonds "Innovative Projekte" finanziell gefördert.