Ausbruch aus dem Hinterzimmer

Professor Dr. Hans Hobelsberger referierte in der Zeltkirche Elkeringhausen zum Thema "Allen Menschen zum Nächsten werden".Elkeringhausen, 1. Oktober 2011 - Der Tag in der Zeltkirche in Elkeringhausen begann mit einer kalten Dusche. Mit ernster Miene präsentierte Hans Hobelsberger seinen über 100 Zuhörern ernüchternde Zahlen. Etwa 70 Prozent der Katholiken leben ihren Glauben gerade mal dann, wenn es dazu einen Anlass wie eine Taufe gibt. Und nur noch knapp 20 Prozent leben ihn in einer Gemeinde, zitierte der Theologie-Professor von der Katholischen Hochschule in Paderborn aus einer Umfrage. Wieder stand unausgesprochen die große Frage im Raum, die in Zeitungen, Radio und Fernsehen vor dem Papstbesuch in Deutschland immer wieder gestellt wurde: Ist die katholische Kirche noch zu retten?

Die Rettungskräfte hatten sich am vergangenen Samstag zahlreich zum Projektforum "Pastorale Orte und Gelegenheiten - mutig, bunt, lebendig" in der Bildungsstätte St. Bonifatius versammelt. Keimzelle dieser Veranstaltung war die gleichnamige Perspektivgruppe „Pastorale Orte und Gelegenheiten“, die sich als Zukunftswerkstatt versteht und innovative Projekte und Menschen miteinander vernetzen will. Die Perspektivgruppe unter der Leitung von Stephan Lange aus dem Generalvikariat in Paderborn hatte die Initiatoren und Vertreter von zehn Projekten aus dem gesamten Bistum gebeten, von sich und ihrer Idee zu erzählen. Und im wahrsten Sinne des Wortes war auch "Käse" dabei.   

Bevor aber die Teilnehmer aus der Zeltkirche strömten und sich auf die zehn Räume verteilten, gab Hobelsberger ihnen noch folgende Definition mit auf den Weg. "Pastorale Orte sind dort, wo sich Existenz und Evangelium begegnen." Wer eine pastorale Gelegenheit anbiete, der dürfe nicht darauf aus sein, Menschen dauerhaft an die Kirche zu binden. Stattdessen komme es in erster Linie darauf an, an diesen "Anders-Orten" auf Menschen zuzugehen und ihnen einen Geschmack vom Glauben zu geben.

50 Meter weiter, im Pilgerhaus, sitzt wenig später Paulus Decker aus Hüsten und sagt: "Gott ist nicht geschmacklos!" Das hätten er und seine Mitstreiter der Hüstener Käsemarktkirche bewiesen. Der Arzt hatte die Idee, Marktbesucher mit einem frechen Angebot in die Kirche zu locken. Er entwarf ein Plakat mit dem Slogan "Ohne Gott - alles Käse?" Decker und sein Team entwickelten für einen Tag einen Sinnespfad in der Kirche. Es gab weiße Mäuse zu essen, Messwein zu trinken, Laptops mit Diashow im Beichtstuhl und eine "Chilling Zone" mit Liegen. Decker und sein Team nahmen sich fest vor, auf dem Markt nur Menschen anzusprechen, die sie noch nicht kannten. Das Ergebnis: 1200 Besucher an einem Tag. Decker meint: "Wir müssen in der Kirche lernen unvoreingenommen und zweckfrei um Besucher zu werben. Das haben wir total verlernt."

Geärgert hat er sich darüber, dass seine Idee zunächst auf Widerstand stieß. Erst als ein neuer Vikar ihn unterstützte, ging es los. "Warum braucht es erst einen Geistlichen, damit das läuft?", fragt Decker. Diese Frage brennt zwei Stunden später bei der Diskussion - wieder im Plenum in der Zeltkirche - so manchem unter den Nägeln. Prälat Thomas Dornseifer scheute sich nicht, Klartext zu reden. "Na klar, gibt es bei uns auch Betonköppe, aber die gibt es auch anderswo." Dieser Umdenkprozess sei schwer, da dürfe man sich nichts vormachen. Doch Erzbischof Hans-Josef Becker habe ganz klar deutlich gemacht, dass Einigeln keine Lösung sei. Sein Signal: Paderborn steht ohne Wenn und Aber hinter innovativen Projekten. Auch finanziell. Ab Herbst haben Initiativen die Chance auf Finanzspritzen in fünfstelliger Höhe, verkündete Dornseifer.

Innovativ, schön und gut, aber ist die Kirche dann in Zukunft nur noch ein Dienstleistungsunternehmen? Wie will sie Ehrenamtliche gewinnen, wenn alle nur noch Kunden sind? Mit diesen Fragen ging der Journalist Henning Otte seiner Aufgabe nach, das Forum etwas durcheinanderzuwirbeln. Wie verträgt sich das neue Konzept mit dem Satz von Papst Benedikt XIV., den er in Freiburg sagte: "Der Schaden für die Kirche kommt von den lauen Christen." Der gebürtige Sauerländer, der heute in Stuttgart für die Nachrichtenagentur dpa arbeitet, räumte ein, dass er selbst oft ein "lauer Christ" sei. Die Frage sei aber doch gerade, wie die Kirche vor allem junge Menschen wieder begeistern und damit nachhaltig ihre Existenz sichern könne.

Nach kontroverser Diskussion schlug Hobelsberger am Ende einige Pflöcke ein. Er zweifelte an, dass der Begriff Nachhaltigkeit auf pastorale Orte und Gelegenheiten anwendbar sei. Bei einer nachhaltigen Sache müssten Aufwand und Ertrag in einem vernünftigen Verhältnis stehen. "Eine solche Aktion wirkt länger als sie dauert." Das könne aber nicht der Anspruch sein, wenn pastorale Gelegenheiten entstehen. Diese sollten ja gerade luftig und anregend sein, ohne Hintersinn. Wende man das Wort Nachhaltigkeit auf die derzeitige Praxis an, sei das Ergebnis alles andere als schmeichelhaft. "Die momentane Pastoral dauert länger als sie wirkt."

Der Professor machte den Teilnehmern Mut. "Die Zeit der Hinterzimmer ist vorbei." Auch die Parteien seien in einem Auflösungsprozess, die Funktionäre stemmten sich vergeblich gegen den fortschreitenden Verlust ihrer Bindungskraft. Im Wahlkampf helfe nur das Rezept "ran an die Menschen" - und zwar an alle. Auch die Kirche müsse raus. "Wir brauchen den Exodus und die Landnahme." Dieser Weg sei kein einfacher, denn: "Jahrzehntelang haben wir uns gesammelt, jetzt können wir auch mal wieder senden." Was dazu wohl die "Betonköppe" sagen? Denen, die sich für die Kirche in dieses Abenteuer stürzen, kann man nur zurufen: Es ist unmöglich, Staub aufzuwirbeln, ohne dass jemand hustet.

Silke Otte / Stefan Tausch