„Das Evangelium in seiner schönsten Form“

Am Palmsonntag war der Jubel noch groß: Jesus zieht auf einem jungen Esel in Jerusalem ein. Warstein. Jedes Jahr in der Kar- und Osterzeit hören Gottesdienstbesucher in den Evangelien, was „damals in Jerusalem“ geschah. „Diese Frohe Botschaft wollten wir auch erzählen“, erklärt Bernadette Kauf, Gemeindeassistentin im Pastoralverbund Warstein. „Nur eben ein wenig anders.“

Vom 25. März bis zum 9. April 2012 lud eine Ausstellung unter dem Titel „Damals in Jerusalem“ im Gemeindezentrum der St. Pankratius-Gemeinde Warstein dazu ein, die Passions- und Ostergeschichte nach dem Evangelisten Markus auf eine ganz besondere Weise nachzuempfinden. Die Protagonisten der Ausstellung: 345 so genannte „Egli-Figuren“. Diese biblischen Erzählfiguren wurden in den sechziger Jahren von der Schweizerin Doris Egli geschaffen. Ihr Anliegen war es, die Glaubensweitergabe innerhalb ihrer Familie anhand des Nachstellens biblischer Geschichten mit den Figuren ganzheitlich erlebbar zu machen. Charakteristisch für eine Egli-Figur sind ihre Biegsamkeit, um unterschiedliche Körperhaltungen anzunehmen, und Bleifüße für eine gute Standfestigkeit. Außerdem sind die Figuren im wahrsten Sinn des Wortes „gesichts-los“, und zwar aus gutem Grund: Durch die fehlende Ausgestaltung des Gesichts sind die Figuren auf keinen bestimmten Gefühlsausdruck festgelegt. Der für das Erzählen einer biblischen Geschichte jeweils benötigte Ausdruck wird mit der veränderbaren Haltung und Gestik ermöglicht: So kann eine Egli-Figur beispielsweise sowohl Jubel und Freude beim Einzug in Jerusalem als auch Angst und Verzweiflung beim Kreuzigungsgeschehen verkörpern.

„Die Darstellung einer Geschichte mittels dieser Figuren fördert die Empathiefähigkeit des Betrachtenden“, erklärt Bernadette Kauf. Die Gemeindeassistentin ist Mitglied des Egli-Kreises Rüthen, hat die Ausstellung in Warstein initiiert und ist vom „Egli-Fieber“ regelrecht gepackt: Während ihres religionspädagogischen Studiums kam sie erstmals mit den Figuren in Kontakt. Mittlerweile gibt sie selbst Kurse für deren Herstellung. „Durch eine Veränderung der Körperhaltung kann die Geschichte intensiver nachgefühlt werden. So findet nicht nur ein äußeres Erleben durch Hören und Sehen, sondern auch ein inneres Empfinden statt“, erläutert die Egli-Expertin.

Gemeinsam mit Bernadette Kauf rollen die Besucher nach der Bestattung Jesu die schwere Felsenplatte vor das Grab… Doch Empfindungen lösten in der Ausstellung nicht nur die Figuren selbst aus. Richtig zur Geltung kamen sie erst durch liebevoll selbst gestaltete Kulissen, Hintergründe und Accessoires erst richtig zur Geltung: Nachgebaut wurden in Warstein die mächtigen Mauern des Tempels in Jerusalem oder auch der Palast des Pilatus, während andere Szenerien von der Stille des Ölbergs bestimmt waren. Für die richtige Inszenierung spielte insbesondere Modelleisenbahner Helmut Grüttner, der sich in der Evangelischen Kinderkirche Warstein engagiert, eine wichtige Rolle: Dank seiner Erfahrung im Bauen von Miniaturkulissen hat er das Jerusalem zur Zeit Jesu mit Hütten, Olivenbäumen, Wüsten und anderen biblischen Landschaften wieder aufleben lassen. Auch die Requisiten ließen die große Liebe zum Detail sichtbar werden – von den Münzen der Geldwechsler im Tempel bis hin zu Brotlaib und Weinbechern der Jünger beim letzen Abendmahl.

„Am besten war die Ausstellung in ihrer Gesamtheit durch eine Führung zu erschließen“, erklärt Bernadette Kauf. Bis zu 14 Führungen am Tag hat es teilweise gegeben, berichtet die Gemeindeassistentin. Mit den Gruppen ist sie dem österlichen Geschehen Szene für Szene nachgegangen, hat dabei nicht nur die wiederkehrenden Figuren wie die Jünger oder die Frauen um Jesus erklärt, sondern auch einzelne Charaktere wie die arme Witwe, die ihr ganzes Vermögen in den Opferstock im Tempel wirft. „Was ist das denn für einer? Hat der seine Hose verloren?“ wollte ein Kind während einer Führung wissen. Gemeint war kein anderer als der nur im Markus-Evangelium erwähnte Jüngling, den die Soldaten ergreifen wollten, woraufhin er sein Gewand fallen ließ und nackt davon lief – auch diese kleine Neben-Rolle hatten die Ausstellungsmacher nicht vergessen.

…Als sie das Grab wieder öffnen, blickt Ihnen ein junger Mann entgegen, der fragt: „Was sucht ihr die Lebenden bei den Toten?“. Die szenischen Höhepunkte der Ausstellung waren eindeutig die Grablegung und Auferstehung, die mittels eines geschickten Tricks von Helmut Grüttner inszenatorisch verbunden waren: Josef von Arimathäa kniete zunächst mit dem eingewickelten Leichnam Jesu vor dem Felsengrab, die schwere Steinplatte stand davor. Der Leichnam wurde von einem Ausstellungsbesucher in das ausgehöhlte Grab gelegt, die Steinplatte vors Grab gerollt. Durch Bewegen der äußeren Platte um das unbewegte und verschlossene Felsengrab, wechselte die Szene: Nun standen die Frauen mit den wohlriechenden Salben vor dem Grab. Die Steinplatte wurde weggenommen und im Grab, in dem davor noch der Leichnam ruhte, erblickten die Zuschauer einen jungen Mann, der die Frauen im Markus-Evangelium fragt: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ Österliches Staunen bei Groß und Klein…

Bernadette Kauf macht deutlich: „Wir zeigen hier keine ‚Puppenausstellung’, sondern auf eine mögliche Art und Weise die biblische Geschichte von Tod und Auferstehung. Nicht die Figur steht im Vordergrund, sondern der biblische Text. Dadurch wird die Botschaft Gottes neu lebendig und ins Hier und Heute übertragen. Diese Form des Erfahrens der Ostergeschichte ermöglicht einen niedrigschwelligen Zugang zu einem fundamentalen Text unseres Christseins“, zeigt sich Kauf überzeugt. Damit ist eine zentrale Frage angesprochen: Wie kann in der heutigen Zeit Glaubensweitergabe geschehen? Weil Bernadette Kauf und ihr Team in diesem Kontext neue und überzeugende Wege beschritten haben, hat das Erzbistum Paderborn die Ausstellung aus seinem Förderetat für innovative Projekte in den pastoralen Räumen bezuschusst.

Nach der Auferstehung trug Jesus seinen Anhängern auf, die Frohe Botschaft in aller Welt zu verkünden. Mit dem eigenen, auf einen Fisch geschriebenen Namen, reihten sich die Ausstellungsbesucher in diesen Auftrag Jesu ein. Denn wie vieles im Leben haben auch Egli-Figuren ihren Preis: Rund 35 Euro kostet eine Figur. Aber die Figuren gibt es nicht zu kaufen, in jedem Exemplar steckt echte Handarbeit – in speziellen Kursen, wie sie Bernadette Kauf leitet, kann man die Herstellung lernen. „Für eine Figur braucht man ungefähr zwölf Stunden“, rechnet Bernadette Kauf vor. „Bei 345 Figuren hätte das somit 4140 Stunden Aufwand bedeutet, was umgerechnet rund 172 Tagen entsprochen hätte.“ 172 Tage, das hätte für das Ausstellungsteam um Bernadette Kauf mit rund 17 Personen aus dem Egli-Kreis Rüthen, Gemeindemitgliedern aus dem ganzen Pastoralverbund Warstein und der Evangelischen Kirchengemeinde über ein halbes Jahr Arbeit allein für die Herstellung der Ausstellungsfiguren bedeutet. „Wir haben viele Figuren für diese Ausstellung natürlich auch selbst gemacht. Aber ich bin dankbar, dass uns über 20 Leute ihre Egli-Bestände ausgeliehen haben. Sonst hätten wir diese Mammut-Aufgabe nicht stemmen können“, ist sich Bernadette Kauf sicher.

Die Gemeindeassistentin zeigt sich glücklich und zufrieden mit dem Verlauf des Projekts: „Die Ausstellung hat die Besucher innerlich und äußerlich in Bewegung gebracht – nicht nur, sich einem neuen Medium der Glaubensweitergabe zu öffnen, sondern auch, um neue Räume und andere Menschen kennen zu lernen. Noch dazu ist unser Gemeindezentrum in Warstein vielen Besuchern bekannt geworden. Besonders freue ich mich, dass viele Besucher aus Belecke, Möhnetal, Allagen und Warstein den Weg hierher gefunden haben, denn diese Orte werden künftig unseren neuen pastoralen Raum bilden.“

Die Besucher-Resonanz haben Bernadette Kauf und ihr Team als überwältigend wahrgenommen: „Es sind längst nicht nur Kinder in die Ausstellung gekommen, sondern ein ganz gemischtes Publikum. Man hat gesehen, dass auch Erwachsene innerlich tief bewegt aus den Ausstellungsräumen kamen. Einige haben erzählt, dass sie beim Hören der Passion am Palmsonntag unsere Szenen vor Augen hatten“, erinnert sich Bernadette Kauf stolz. Treffender als mit dem Zitat einer Besucherin lässt sich die nachhaltige Wirkung der Ausstellung wohl nicht auf den Punkt bringen: „Ich gucke im Stau aus dem Autofenster – und ich bin wieder in Jerusalem.“

Text und Fotos: Maria Aßhauer

Weitere Impressionen

Der Evangelist Markus spricht davon, dass das Letzte Abendmahl im Obergeschoss eines Hauses gefeiert wurde. Also war auch das eigens für die aktuelle Ausstellung gefertigte Gebäude zweistöckig gebaut worden – für eine wortgenaue Umsetzung.

  Jesus betet am Gründonnerstag am Ölberg verzweifelt zu Gott, während seine Jünger schlafen.

  Der Kuss des Verrats: Judas liefert Jesus seinen Gegnern aus.

  Pilatus hat Jesus zum Tode verurteilt. Mit Dornenkrone und in Ketten führen die Soldaten ihn zur Schädelhöhe, Simon von Zyrene trägt das Kreuz für Jesus.

Angekommen auf Golgatha: Die Soldaten rauben Jesus mit seinen Kleidern den letzten Schutz vor den Blicken der Menge. Einige trauern, einige rufen aufgebracht. Auch die beiden Mitverurteilten schauen auf Jesus.

  Diese Aktion wurde vom Erzbistum Paderborn über den Fonds "Innovative Projekte" finanziell gefördert.